Geltungsstreben und Gemeinschaftsgefühl
Die fundamentale Dynamik der Paarbeziehung nach Alfred Adler
EINLEITUNG
In der Individualpsychologie von Alfred Adler nimmt die Liebe eine zentrale Stellung als eine der drei großen Lebensaufgaben ein. Im Gegensatz zu triebtheoretischen Ansätzen verstand Adler die Liebesbeziehung als eine eminent soziale Herausforderung, die nur auf der Basis absoluter Gleichwertigkeit und tiefen Gemeinschaftsgefühls gelingen kann. Ein wesentliches Hindernis für intime Partnerschaften stellt das neurotische Geltungsstreben dar. Wenn das psychologische Bedürfnis nach Überlegenheit den partnerschaftlichen Alltag dominiert, verwandelt sich die schöpferische Kooperation in einen destruktiven Machtkampf, der die Substanz der Beziehung untergräbt.
ORIGINALTEXTE
„Alle diese Erscheinungen [der Beziehungsstörungen] finden ihre Aufklärung, wenn wir bedenken, daß der Liebe und der Ehe eine ganz bestimmte Vorbedingung zugrunde liegt, das ist das Gefühl der Gleichwertigkeit. Wo dieses Gefühl fehlt, wo ein Partner den anderen unterjochen will, wo ein Teil sich herabgesetzt fühlt, da ist das seelische Gleichgewicht gestört, und wir finden sogleich die Folgen dieser Störung im Kampfe gegen die Gemeinschaft.“
„Jedes Streben nach Macht und Überlegenheit über den Partner vernichtet das Gemeinschaftsgefühl, das die Grundlage der Liebe ist. Wo die Geltungssucht regiert, wird der andere nicht mehr als Mitmensch und Gefährte begriffen, sondern als ein Werkzeug, als ein Hindernis oder als ein Feind, den es zu bezwingen gilt. Die Liebe fordert aber die vollkommene Hingabe, und diese ist nur dort möglich, wo die Sorge um die eigene Geltung geschwunden ist.“
Quelle: Der Sinn des Lebens (erstmals veröffentlicht 1933) Themenkontext: Kapitel über die drei großen Lebensaufgaben (Liebe/Ehe, Arbeit/Beruf und Gemeinschaft/Mitmenschen), genauer im Abschnitt zu Liebe und Ehe.
ERKLÄRUNGEN
Der Auszug verdeutlicht das Kernproblem moderner Partnerschaften aus individualpsychologischer Sicht:
Eine tragfähige Liebesbeziehung verlangt nach Adler eine horizontale Beziehungsachse. Jede Form von Hierarchisierung („vertikale Linie“) – sei es durch offene Dominanz oder subtile Manipulation – zerstört das psychologische Gleichgewicht. Geltungssucht als Abwehr: Das übersteigerte Machtstreben entspringt einem unbewussten Minderwertigkeitsgefühl. Wer aus Angst vor Abwertung permanent um den eigenen Status bangt, nimmt den Partner nicht als Gefährten, sondern als permanente Bedrohung. Wahre Intimität und Hingabe setzen voraus, dass das egozentrische Geltungsstreben durch das Gemeinschaftsgefühl überwunden wird. Erst wenn das Wohl des Anderen gleichberechtigt neben dem eigenen steht, transformiert sich die Verbindung von einem Schauplatz des Behauptungskampfes zu einem Ort echter seelischer Begegnung.
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