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Bindung philosophisch betrachtet
Das Thema Bindung wird vor allem in Psychologie, Soziologie und Biologie untersucht. Während Psychologen untersuchen, wie sich Bindungen entwickeln und Soziologen die gesellschaftliche Perspektive untersuchen, arbeitet man in der Philosophie an grundlegenden und interdisziplinären Konzepten. Die Philosophie ist auch dafür zuständig, Konzepte hinsichtlich ihrer Grundlagen und Brauchbarkeit zu prüfen und zu kritisieren. Das ist wichtig, da wir in unserer Zeit mit esoterischem, pseudopsychologischem und völlig unbrauchbarem Müll überflutet werden, vor allem mit Lehren über Energie, Schwingungen, Auren und Shakren. Auch manche Theorien der Psychologie und der Soziologie sind dank systematischer Kritik mittlerweile ad acta gelegt worden.
Was ist Bindung? Und wenn Bindung eine Metapher ist, wofür steht sie dann? Für äußere Verpflichtungen? Für emotionale Tiefe beim Zusammensein? Für Nähe? Es gibt die Geschichte von der alten Frau, die eine Krähe, die täglich auf ihren Balkon kommt, füttert und dies solange tut, bis die Krähe eines Tages nicht mehr kommt. Kurz darauf stirbt sie. Ist das eine Parabel für Bindung und Verlust?
Das sprachliche Bild der Bindung löst nicht nur bei mir ambivalente Gefühle aus: Irgendwo gebunden zu sein, kann mit Freiheitsverlust assoziiert werden.Ich denke aber auch an Sicherheitsbindungen an Skiern oder Fallschirmen, die uns schützen. Oder an eine Verbindung beim der Kommunikation, ohne Verbindung zu sein, ist eher schlecht.
Bei Menschen könnte man von äußeren und inneren Bindungen sprechen, obwohl diese natürlich auf irgendeine Weise miteinander zu tun haben. Innerlich heißt emotional, wobei es ein großes Spektrum gibt. Dankbarkeit, Schuld, Liebe, Verpflichtung, Freundschaft, Geborgenheit, Sicherheit, Gesehen- und Verstandenwerden, Vertrauen, Zugehörigkeit,
Lust an der Nähe, Begehren und Sehnsucht. Bei der äußeren Bindung gibt es zum Beispiel materielle, ökonomische, lokale, berufliche, organisatorische, projektgebundere, vertragliche, juristische und gewohnheitsbezogene. Es gibt einen fließenden Übergang von der Bindung zur Abhängigkeit – emotional und äußerlich.
Die phänomenologische Herangehensweise der Philosophie
Die phänomenologische Herangehensweise der Philosophie würde darin bestehen, genau zu beschreiben, wie wir Bindung erleben. Die Phänomenologie beschreibt das Erleben von Bindung, Beziehung und Begegnung. Hier ein paar Beispiele für interessante Beschreibungen mit dieser Methode. Mit dieser Methode kam vor allem Martin Buber zu guten Ergebnissen. Er entwickelte eine so genannte Dialogphilosophie: Das "Ich" entsteht erst durch das "Du". Die Dialogphilosophen des 20. Jahrhunderts argumentierten, dass der Mensch kein isoliertes Einzelwesen ist, sondern erst durch die Bindung und den Bezug zu anderen zu einem echten Selbst wird. In seinem Hauptwerk *„Ich und Du“* unterscheidet er zwei Arten, wie wir der Welt begegnen: der *Ich-Es*-Beziehung (Nutzen, Objektifizierung) und der *Ich-Du*-Beziehung. Letztere ist die reine, wertfreie Bindung und Begegnung mit einem anderen Wesen. Für Buber gilt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“ Bindung ist hier kein psychologischer Zustand, sondern die absolute Voraussetzung für das Menschsein.
Durch die Phänomenologie gelangt er also zu einer anthropologischen These.
Der Mensch ist ein Dialogwesen, ein Bindungswesen.
Ähnlich dachte auch Emmanuel Levinas (1906–1995): Er stellt die radikale Verbundenheit mit dem Anderen in den Mittelpunkt seiner Ethik. Sobald wir dem „Antlitz“ eines anderen Menschen begegnen, sind wir unweigerlich an ihn gebunden und tragen Verantwortung für ihn. Diese Bindung ist für Levinas älter und tiefer als jede bewusste Entscheidung.
Maurice Merleau-Ponty (1908 – 61) prägte den Begriff der „Interkorporalität“ (Zwischenleiblichkeit). Er zeigt auf, dass Säuglinge und ihre Bezugspersonen von Geburt an über eine körperliche, fast synchrone Resonanz miteinander verbunden sind. Bindung ist demnach kein rein geistiges Gefühl, sondern ein fundamentales, leibliches Verwobensein mit der Welt.
Hermann Schmitz (1928–2021): Der Begründer der Neuen Phänomenologie untersuchte das Phänomen der „Einleibung“ – wie wir uns emotional und körperlich so eng an jemanden binden, dass wir in
gemeinsamen Gefühlsräumen (wie kollektiver Trauer oder gemeinsamer Liebe) aufgehen.
Ethik
Zur Ethik gehören die folgenden Fragen: Wann wird Bindung zur Last oder sogar schädlich und wann zur Bereicherung? Wie sollen wir mit dem Phänomen Bindung in einer Zeit der Unverbindlichkeit umgehen? Gibt es Rezepte für den Aufbau von Bindungen?
In vielen älteren Philosophien und traditionellen Ethiken wird Bindung ambivalent gesehen: Sie schenkt Sinn, birgt aber auch das Risiko von Schmerz und dem Verlust der eigenen Freiheit, zum Beispiel die Stoiker und Existenzialisten. Wer sich zu stark bindet, macht sein Lebensglück von Dingen abhängig, die er nicht kontrollieren kann (z.B. dem Tod eines geliebten Menschen).
Die aktuelle Care-Ethik und die Feministische Philosophie sehen Bindung im Gegensatz dazu als moralische Pflicht.
Anthropologie
Lange Zeit war die westliche Philosophie stark auf den „autonomen, rationalen Menschen“ fokussiert, der völlig unabhängig ist. So soll korrigiert werden. Carol Gilligan begründete die Care-Ethik (Ethik der Fürsorge). Gilligan argumentiert, dass moralisches Handeln nicht nur auf abstrakten Rechten und Pflichten basiert, sondern auf konkreten Bindungen, Beziehungen und der Verantwortung füreinander. Joan Tronto weitete dieses Konzept aus und zeigt, dass gesellschaftliches Leben ohne die Anerkennung unserer fundamentalen Angewiesenheit aufeinander – also ohne soziale Bindungssysteme – kollabieren würde.
Konzepte der Soziologie
Die Soziologie untersucht Strukturen unserer Gesellschaft, die mit Bindungen verbunden sind. Wer? Wann? Wie lange? Wie oft? Auf welche Art? Sozialer Hintergrund? Fest steht: Unsere heutige Gesellschaft macht es dem Einzelnen extrem schwer, stabile Bindungen einzugehen.
Die Anerkennungstheorie von Axel Honneth geht davon aus, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und intakte Identität durch Anerkennung zustande kommen, und zwar in drei Bereichen: Liebe, Gesetz und Leistung. Das sind drei Bindungssysteme. Wenn
Anerkennung verwehrt wird, kommt es zu einer Verwilderung, d.h. die Leute suchen sich auf sehr eigenwilligen Wegen Anerkennung.
Ähnlichkeit dazu hat die Theorie des Psychologen Alfred Adler, dass der Mensch von Geltungsstreben geleitet wird, das er schon als Kind Momente der Hilflosigkeit oder Minderwertigkeit erfährt. Als gesunder Erwachsener ist man eingebunden in die Gemeinschaft und entwickelt ein gesundes Selbstwertgefühl, wenn nicht, dann wird das Geltungsstreben neurotisch (z. B. in Machtstreben oder Überlegenheitskomplexe).
Eine große Rolle spielt es heutzutage, dass Anerkennung noch stärker als früher durch Aufmerksamkeit entsteht. Der Ökonom Georg Franck sah Aufmerksamkeit als Währung, die man ansparen und in Geld oder Status umwandeln kann. So monetarisieren Influencer die Aufmerksamkeit ihrer Followerschaft.
Die israelisch-französische Soziologin Eva Illouz vertritt die genau wie Karl Marx vor 200 Jahren die These, der Kapitalismus habe unser Beziehungsleben komplett durchdrungen. Heute sei es sogar noch schlimmer, denn wir betrachten durch Dating-Apps potenzielle Partner zunehmend wie Produkte auf einem Marktplatz. Bindung erfordert die Entscheidung für einen Menschen, doch der Markt suggeriert uns, dass das nächste, vielleicht noch bessere „Produkt“ nur einen Wisch entfernt ist.
Illouz beschreibt, dass die ständige Verfügbarkeit von Optionen zu einer Bindungsangst führt, die gesellschaftlich bedingt ist. Menschen verbleiben lieber in unverbindlichen Zwischenräumen („Situationships“), um sich keine Chancen zu verbauen. Beziehungen werden heute schneller konsumiert und beim kleinsten Konflikt „abgewählt“ (entsorgt), statt die schmerzhafte Arbeit einer tieferen Bindung auf sich zu nehmen.
Der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman stellt fest, dass sich in unserer heutigen Welt alle festen Strukturen auflösen – Arbeitsplätze, Traditionen und eben auch Bindungen.
Bauman argumentiert, dass der moderne Mensch feste „Bindungen“ meidet, weil sie Verpflichtungen und Ballast bedeuten. Stattdessen bevorzugt er „Verbindungen“ (Netzwerke). Eine Verbindung kann man jederzeit per Klick trennen; eine Bindung muss man mühsam auflösen. In einer Welt, die ständige Flexibilität und Mobilität fordert (z.B. für den Job), wird eine tiefe, ortsgebundene oder kompromissbereite Partnerschaft fast schon zu einem wirtschaftlichen Risiko. Weil alle anderen gesellschaftlichen Institutionen (wie Religion oder Großfamilie) weggebrochen sind, projizieren wir all unsere Sehnsüchte nach Halt, Sinn und Sicherheit exklusiv auf den einen Partner. Die Erwartungen an die moderne Bindung sind so gigantisch hoch geschraubt, dass sie fast zwangsläufig scheitern müssen. Wenn Menschen heute „beziehungsunfähig“ sind, liegt das laut der Soziologie meist nicht an ihrer Kindheit oder Psyche. Es liegt daran, dass unsere Kultur Autonomie, Flexibilität und Selbstoptimierung belohnt, Eigenschaften, die dem Wesen einer langfristigen, kompromissbereiten Bindung direkt widersprechen.
Und noch ein soziologischer Satz von mir: Wenn die Gesetzgebung eines Landes Alleinerziehende und Singles finanziell begünstigt, dann dann ist dies vielleicht ein moralisch wertvolles Hilfsangebot, das Dasein als Single oder Alleinerziehender wird aber dadurch attraktiver und Bindungen im Verhältnis dazu unattraktiver.
Der Soziologe Hartmut Rosa stellte die These auf, die so genannte Resonanz und Bindungen mit einer tiefen Resonanzbeziehung seien das Gegenmittel zur Entfremdung der Moderne. Resonanz sei eine Weltbeziehung, in der Subjekt und Welt in einen antwortenden, sich wechselseitig verändernden Austausch treten, der sich der vollständigen Beherrschbarkeit entzieht. Es gibt Bindungen mit tiefer Resonanz, doch diese sind durch die moderne Gesellschaft bedroht, durch Funktionalisierung, Verdinglichung und Beschleunigung. Wir optimieren uns, rasen durch die Zeit, aber die Welt bleibt uns stumm und kalt. Resonanz sei wichtiger als jede Lehre der Partnerschaft und Bindung. Kritiker werfen ihm vor, das Konzept sei esoterisch, romantisch und wissenschaftlich nicht überprüfbar. Es richte sich an die Schicht der Wohlhabenden, ignoriere witschalftliche Verhältnisse vollkommen und biete keine Abgrenzung zu bloßer Harmoniesucht und Wellness. Das Konzept vernachlässige die Tatsache, dass Distanz, Sachlichkeit und Nicht-Resonanz wichtige Elemente des modernen Lebens sind (z. B. im Rechtssystem oder zum Schutz der Privatsphäre). Auch Entfremdung, Kälte können als Stationen wichtig sein.
Verhaltensforschung, Biopsychologie, Neurobiologie und evolutionäre Anthropologie
Aus Sicht dieser Fachgebiete ist Bindung ein überlebenswichtiges Regulierungssystem, das sich evolutionär entwickelt hat.
Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903–1989) entwickelte eine Stufenleiter der Bindung: Ablehnung, Gleichgültigkeit, Akzeptanz, Sympathie und Inkorporation.
Das menschliche Bindungssystem wird aus der Perspektive dieser Fachgebiete im Wesentlichen durch ein komplexes Zusammenspiel von Hormonen, Neurotransmittern und speziellen Hirnarealen gesteuert: Wichtig ist z.B. Oxytocin, das Stress senkt und Empathie erhöht, Vasopressin, Dopamin, endogene Opioide, die bei Körperkontakt freigesetzt werden. Man glaubt herausgefunden zu haben, dass frühe Bindungserfahrungen das Gehirn sozusagen kalibrieren oder verstellen können. Doch die „Verdrahtungen“ lassen sich ein Leben lang verändern. Man spricht von Neuroplastizität.
Man kann aus den Forschungsergebnissen ableiten, dass das menschliche Nervensystem darauf ausgelegt ist, sich am Nervensystem eines anderen Menschen in einer Bindung zu beruhigen. Umgekehrt können Beziehungs-Stress, Verlassenwerden und Einsamkeit nach dieser Forschung echten, physischen Schmerz erzeugen.
Man könnte aus den Forschungsergebnissen ableiten, dass Angriff und Rückzug eigentlich Schutzreflexe sind. Denn bei wahrgenommener Bindungsbedrohung schaltet das Nervensystem quasi auf die dafür zuständigen Hirnareale um.
Konzepte der Psychologie
Die psychologische Bindungstheorie (Attachment Theory), begründet von dem britischen Kinderpsychiater John Bowlby und der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth in den 1950er- bis 1970er-Jahren) sieht Bindung als Bedürfnis – genau wie Hunger oder Durst und ein biologischer Überlebensschutz. Bowlby beobachtete, dass Säuglinge – im Gegensatz zu manchen Tierarten – völlig hilflos zur Welt kommen. Um zu überleben, hat die Evolution das Bindungsverhaltenssystem entwickelt. Droht Gefahr, Schmerz, Angst oder Überforderung, wird dieses System aktiviert. Das Baby zeigt Bindungsverhalten (Weinen, Festklammern, Lächeln, Nachkrabbeln), um körperliche Nähe zur „Bindungsperson“ herzustellen. Ein Kind kann die Welt nur dann selbstständig erforschen, wenn es weiß, dass sein Rücken gedeckt ist. Mary Ainsworth prägte hierfür den Begriff der sicheren Basis. Es gibt ein ständiges Pendeln zwischen zwei Systemen:
Sicherheit (Bindungssystem) und Neugier (Erkundungssystem): Ist der Schutzraum garantiert und das Kind entspannt, schaltet sich das Bindungsverhalten ab und das Erkundungsverhalten (Exploration) an. Wie gut dieses System funktioniert, hängt maßgeblich von der Feinfühligkeit der Bezugsperson ab.
Aus der Beobachtung von Säuglingen versuchte Mary Ainsworth Typen von Bindungsverhalten bei Erwachsenen abzuleiten, konkret: sicher, unsicher-vermeidend, ängstlich-ambivalent und desorganisiert). Das Modell wird aber stark kritisiert, da die Existenz dieser Typen nicht nachgewiesen ist und der Glaube daran auch schädliche Wirkungen hat.
Die emotionsfokussierte Paartherapie stützt sich auf die Bindungstheorie: Konflikte entstehen meist, wenn emotionale Verbundenheit bedroht ist und das Paar in Teufelskreise aus Druck und Rückzug gerät. Ziel ist nicht das Festlegen von Verhaltensregeln, sondern das Erkennen gegenseitiger emotionaler 'Alarmknöpfe' und das sichere Ausdrücken von Bindungsbedürfnissen.
Die Gottman-Methode der Paartherapie ist viel konkreter: Sie fordert schlicht, die Anzahl positiv erlebter Interaktionen zu erhöhen und negative abzubauen (Kritik, Rückzug, Ausdruck von Abscheu).
In der kognitiven Verhaltenstherapie für Paare existieren Konflikte durch fehlerhafte Informationsverarbeitung (Wahrnehmungsverzerrungen) und mangelnde Problemlösefähigkeiten. Es kommt also darauf an, eine kognitive Umstrukturierung unrealistischer Erwartungen an den Partner vorzunehmen und konkrete Fertigkeiten zu trainieren, besonders Kommunikation, Verhandlungsgeschick und Deeskalation.
Die systemische Paartherapie ist eine Übertragung der Systemtheorie auf das Thema Bindung. Die Systemtheorie ist ein Modell der philosophischen Wissenschaftstheorie, das Untersuchungsobjekte als dynamisches Gefüge von Relationen und Unterscheidungen sieht, in dem Ganze durch die Wechselwirkungen ihrer Teile sowie deren Abgrenzung zur Umwelt entsteht. Die systemische Paartherapie sieht Bindungen als System mit Mustern von Erwartungen, Reaktionen und Gegenreaktionen bzw. Wechselwirkungen. Eine mögliche Gefahr ist nach dieser Theorie die Entwicklung verkrusteter Feedbackschleifen, in denen Paare feststecken. Ein Beispiel: „Er zieht sich zurück, weil sie meckert – und sie meckert, weil er sich zurückzieht.“
Das System Bindung ist durch größere Systeme bedingt, z.B. Familie und Gesellschaft, die negativ in die Beziehung hineinwirken können. Die Therapie soll darum familiäre Prägungen und festgefahrene Zuschreibungen hinterfragen. Sie versucht ein Reframing (Umdeuten von Verhaltensweisen). Als Methode dafür dient besonders ein zirkuläres Fragen („Was glaubst du, wie fühlst sie sich, wenn du schweigst?“)
Reden über Bindungen?
Wir leben in einer Kultur, in der Begegnung, Beziehung und Bindung keine leichten Dinge sind. Es gibt ziemlich viele irreführende Strategien im Umgangs damit. Spitzenreiter sind diese drei: „Psychologisieren“, „Spiritual Bypassing“ (spirituelles Umgehung bzw. „Esoterisieren“) und soziales Ideologisieren.
Psychologisieren ist das stümperhafte Pathologisieren und Diagnostizieren beim Anderen und das reflexhafte Überprüfen von Beziehungsdynamiken mit Begriffen wie „Bindungsangst“, „Trigger“ und „Projektion“. Man unterstellt dem Anderen oder sich selbst negative Motive wie Macht, Geltung, Manipulation, Ängste oder Hemmungen durch Verkopftsein. Man selbst stilisiert sich oft zum Opfer und schlimmer noch zum Fehlprodukt der Natur mit Fehlverdrahtungen im Gehirn. Psychologisieren kann dazu führen, dass man nur noch analysiert statt lebt oder dazu, dass man in Gedankenschlaufen gerät, die eine permanente Selbstbespiegelung auslösen. Oft liegen die Lösungen für unsere Bindungsprobleme nicht in den Tiefen von Seele oder Kindheit, sondern in dummen Angewohnheiten oder äußeren Bedingungen. Die Psychologie ist oft kein Weg zur Lösung, sondern ein Teil des Problems.
„Spiritual Bypassing“ ist die Flucht in eine Welt aus Karma, Alleinheit, Vorherbestimmung und Schicksal, andererseits aber auch aus toxischen Energien, teuflischen oder dämonischen Versuchungen und einer angeblich todkranken Welt, die nur eines will: Heilung, ober besser noch: Healing. Manchmal werden Gefühle als „niedrige Schwingung“ entwertet, um Positivität zu erzwingen, manchmal ist der andere spirituell noch nicht erwacht oder unempfänglich.
Ideologisieren ist die Projektion sozialer oder politischer Ideologien bzw. Dogmen auf eine Beziehung. Es geht hier um Vergegenständlichung, Ausbeutung, Geschlechterkampf, Feindbilder, angeblich zu überwindende historische Rollenbilder, „bürgerliche“ Lebenshaltungen, das Ignorieren von Hierarchien usw. Oft ist das System an allem schuld, man selbst ist nur Opfer.
Hier sollte es um Philosophie stehen, nicht um Psychologie oder Therapie. Die Erfahrung hat gezeigt, dass die phänomenologische Methode der Philosophie ein idealer Einstieg in jegliches Nachdenken, jegliches Gespräch ist. Egal, ob man bei einem Therapeuten ist oder mit einem Freund ein Kunstwerk zum Thema Bindung bespricht: Das eigene Erleben sollte stets die Basis für das Gespräch sein. Philosophie basiert nicht auf der heilsbringenden Anwendung von Theorien oder fertigen Deutungsmustern. Daher hier meine vorsichtigen Vorschläge zum gemeinsamen Nachdenken:
Wenn du jetzt an deine Erfahrungen mit Bindungen oder an die Abwesenheit von Bindungen denkst, was kommt dir zuerst in den Sinn? Zieh auch familiäre Bindungen und tiefe Freundschaften mit in Betracht! Wie steht es denn um die Personen, die uns durch das Leben begleiten? Oder fühlt du dich wie in einem luftlosen bindungslosen oder Raum, einem Raum der Unverbindlichkeit?
Wie hast du tiefe längere Bindungen erlebt? An welche schönen Momente in Bindungen denkst du? Was fandest und findest du schwierig an Bindungen? Was wünscht du dir?
Für die Beschreibung sollte man sich sehr viel Zeit nehmen und mit Schuldzuweisungen vorsichtig sein. Später erst könntest du dich fragen, ob du glaubst, dass du bei all deinen Missgeschicken selbst Fehler gemacht hast oder im Gegenteil etwas gelernt hast.
Sind das vielleicht auch verzerrte Deutungen der eigenen Erlebnisse? Man kann sich fragen, welche unserer Erwartungen und Wünsche vollkommen vermessen oder in sich selbst widersprüchlich sind. Hast du eigentlich mal etwas ganz anderes ausprobiert?
Wenn die Philosophie überhaupt Auswege zeigen kann, dann bestehen sie darin, die Kritik an den eigenen Positionen so weit zu treiben, dass am Ende nur noch die Praxis übrig bleibt. Konkret: Was tust du jetzt?

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