Partnerschaft und Gesellschaft bei Ibn Chaldūn
Die mikrosoziale Fundierung der makrostrukturellen zyklischen Geschichtstheorie
EINLEITUNG
Für Ibn Chaldūn bilden die Ehe, die partnerschaftliche Fortpflanzungsgemeinschaft und die daraus resultierende Kleinfamilie die unentbehrliche biologische und psychologische Keimzelle jedweder Vergesellschaftung. Intime Beziehungen und verwandtschaftliche Bindungen sind bei ihm folglich keine rein privaten Phänomene, sondern funktionale Notwendigkeiten zur Erhaltung der Spezies und zur Generierung jenes sozialen Kitts, der kollektive Handlungsfähigkeit überhaupt erst ermöglicht.
Wenn eine Kultur bodenständig, ökonomisch bescheiden und aufstrebend ist, dann ist die Familie als Keimzelle der Gesellschaft gesichert. Im Wohlstand in der städtischen Kultur degeneriert die partnerschaftliche Bindung von einer zweckgerichteten, generationenübergreifenden Solidargemeinschaft zu einer hedonistischen, individualisierten Konsum- und Vergnügungseinheit. Feste Bindungen zerfallen, da keine ökonomische Notwendigkeit besteht. Die Menschen suchen in Beziehungen ihr Glück, die maximale Lust versprechen statt ökonomischer Stabilität.
Die Hinwendung zur Lust ist mit einem Verfall der Sitten verbunden. Treue, Vertrauen, gegenseitige Verantwortung und Solidarität werden entwertet.
Die Schwächung der familiären Kohäsion und das Schwinden der Reproduktionsbereitschaft innerhalb der Städte sind für Ibn Chaldūn nicht nur moralischen Verfehlungen, sondern die soziologische Ursache für das unaufhaltsame Absterben des gesellschaftlichen Zusammenhalts (Asabiyya) und den resultierenden Kollaps des Staatswesens
ORIGINALTEXT
„Es ist zu wissen, dass das gegenseitige Mitgefühl und die Zuneigung für Blutverwandte und Angehörige tief in der menschlichen Natur verwurzelt sind. Gott hat diese Gefühle in die Herzen der Menschen gelegt. Sie führen dazu, dass man seinen Verwandten und Brüdern beisteht, wenn ihnen Unrecht geschieht oder sie angegriffen werden. Wer sieht, dass sein Verwandter ungerecht behandelt oder feindselig attackiert wird, empfindet eine tief sitzende Demütigung und Scham. Er eilt ihm zu Hilfe, denn der Drang, das eigene Blut zu schützen, ist ein natürlicher und unwillkürlicher Impuls im Menschen. Wenn die Verwandtschaftsbande eng und stark sind, führt dieses Gefühl zu einer unbändigen Kraft des Zusammenhalts (Asabiyya). Sie bewirkt, dass eine Gruppe von Menschen wie ein einziger Körper agiert.“ — Ibn Chaldūn: Muqaddima, Buch 1, Kapitel 2
ERKLÄRUNG
Im Zentrum des Werkes des nordafrikanischen Universalgelehrten Ibn Chaldūn (1332–1406) steht seine makrosoziologische Zyklustheorie. Er entwickelte ein Geschichtsmodell von Blüte und Verfall. Er erklärte den Auf- und Abstieg von Dynastien durch Wohlstand und den dadurch verursachten Zerfall des Zusammenhalts.
Der vorliegende Ausschnitt verdeutlicht Ibn Chaldūns strukturfunktionale Sichtweise auf Partnerschaft und Verwandtschaft. Er verankert den sozialen Zusammenhalt in einem anthropologischen Urinstinkt: der affektiven Bindung und dem Schutzreiz innerhalb der Blutsverwandtschaft. Die Ehe fungiert in diesem System als institutionalisierter Rahmen zur legitimen Reproduktion dieser Bindungen. Aus der intimen Paarbeziehung erwächst die Familie, aus der Familie die Sippe. Erst durch die Kumulation dieser affektiven Kleinstbeziehungen konstituiert sich die Asabiyya in ihrer reinsten Form – typischerweise im rauen, nomadischen Kontext (Badaqa), wo das Überleben die unbedingte Kooperation erfordert.
Gleichzeitig impliziert seine Theorie eine kulturkonservative Dialektik: Führt die kollektive Stoßkraft einer starken Familie zur Sesshaftwerdung und zum Aufbau urbaner Zivilisation (Hadara), verkehren sich die Beziehungsstrukturen.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen