Beziehung als Prozess des Aushandelns der Zeitverwendung - nach Notburga Ott (geb. 1954) (Spieltheorie)
Das dynamische kooperative Verhandlungsmodell
Ott untersucht die individuelle Nutzenmaximierung und die Dynamik von Verhandlungsprozessen in Beziehungen.
Ott (1992) betrachtet Partnerschaft als einen Prozess, in dem Partner Periode für Periode neu über die Zeitverwendung (Arbeit, Haushalt, Freizeit) verhandeln. Im Zentrum stehen die individuellen Vorlieben der Partner, nicht ein abstrakter „Haushaltsnutzen“. Ein Partner lässt sich nur auf Kooperation ein, wenn der Nutzen in der Beziehung höher ist als das Wohlfahrtsniveau außerhalb der Partnerschaft (die sogenannte Rückfallposition). In der Spieltheorie wird dies auch als verschlechterter „Drohpunkt“ bezeichnet: Wer außerhalb der Beziehung schlechtere Chancen hat, besitzt am Verhandlungstisch weniger Macht.
Ein Kernpunkt von Otts Theorie ist die Analyse der Spezialisierung nach der Geburt eines Kindes: Wenn ein Partner (meist die Frau) die Erwerbsarbeit unterbricht, um Haus- und Sorgearbeit zu leisten, verliert diese Person an marktfähigem Humankapital. Wenn die Beziehung scheitert, profitiert der erwerbstätige Partner weiterhin von seinem Einkommenspotenzial, während der spezialisierte Partner (die Frau) vor den Trümmern seiner beruflichen Karriere steht.
Die Krise als „Gefangenendilemma“
Ott beschreibt die Entscheidung für die traditionelle Spezialisierung als ein Gefangenendilemma: Win-Win-Situation: Hält die Beziehung dauerhaft, profitieren beide von der Spezialisierung durch eine höhere Haushaltswohlfahrt. Nutzenverlust: Löst sich der Partner jedoch nach der Spezialisierungsphase aus der Beziehung, realisiert die Frau einen massiven Lebensnutzenverlust durch ihr entwertetes Humankapital. Suboptimale Entscheidungen: Um dieses Risiko zu mindern, verhalten sich Frauen oft „suboptimal“ in Bezug auf den Haushaltsnutzen: Sie bleiben „mit einem Bein im Arbeitsmarkt“, um ihre Rückfallposition zu sichern, anstatt sich voll zu spezialisieren.
Machtverschiebung während der Partnerschaft
Die Theorie zeigt auf, dass sich die Durchsetzungsmacht innerhalb der Ehe verschiebt, sobald ein Partner wirtschaftlich abhängiger wird. Die verschlechterte Rückfallposition der Frau am Markt vermindert nicht nur ihr nacheheliches Niveau, sondern schwächt ihre Position bei allen alltäglichen Verteilungs-entscheidungen während der bestehenden Partnerschaft. Daher sind Konflikte in Otts Modell eng mit der ökonomischen Unabhängigkeit verknüpft: Wer mehr Ressourcen (Einkommen, Bildung) einbringt, kann seine Präferenzen eher durchsetzen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Krisen in Partnerschaften laut Ott oft daraus entstehen, dass die strategische Absicherung des Individuums (Schutz vor den Folgen einer Trennung) im Widerspruch zur ökonomischen Effizienz des Paares (vollständige Spezialisierung) steht. Krisen sind somit keine bloßen Missverständnisse, sondern oft das Ergebnis rationaler Reaktionen auf asymmetrische Risiken und Machtverschiebungen.
Von der Stabilität zur Instabilität als Grundannahme
Die Instabilität der Beziehungen führt dazu, dass Individuen (insbesondere Frauen) ihre Entscheidungen innerhalb der Beziehung (z. B. wer macht den Haushalt?) ständig an ihrer „Rückfallposition“ ausrichten. (der Wohlstand, den man nach einer Trennung allein hätte)
Rückgang der „Spezialisierungsgewinne“
Ein wichtiger Grund für den Wandel der Beziehungslandschaft ist laut der Theorie der Rückgang ökonomischer Vorteile durch das Zusammenleben: Da Frauen heute oft genauso gut ausgebildet sind wie Männer, schrumpfen die Vorteile einer klassischen Arbeitsteilung (Mann verdient Geld, Frau macht Haushalt). Moderne Haushaltsgeräte machen das Single-Dasein im Vergleich zum gemeinsamen Haushalt attraktiver, da die „Produktion“ von sauberer Wäsche oder Essen effizienter geworden ist und weniger Kooperation erfordert.
Attraktivität des Single-Daseins und Marktförmigkeit
In den Quellen wird darauf hingewiesen, dass das Single-Dasein relativ zum gemeinsamen Haushalt an Attraktivität gewonnen hat. Dies führt zu einer Veränderung im Verhalten: Menschen begegnen sich auf dem Partnermarkt zunehmend wie Waren, was eine „programmatische Bindungslosigkeit“ fördern kann. Die Entscheidung für eine Beziehung wird zu einer Risikoeinschätzung. Wenn die Kosten des Zusammenbleibens den individuellen Nutzen unterschreiten, wird die Beziehung gelöst.
Wandel statt reiner Rückgang: Pluralisierung
Die Quellen verdeutlichen, dass man nicht nur von einem „Rückgang“ sprechen kann, sondern eher von einem Strukturwandel der Lebensformen: Während die Zahl der Eheschließungen massiv gesunken ist (von 11 pro 1000 Einwohner im Jahr 1950 auf unter 5 im Jahr 2017), nehmen andere Formen wie nichteheliche Lebensgemeinschaften stark zu (plus 38 % zwischen 2007 und 2017). Diese neuen Beziehungsformen haben jedoch einen geringeren Institutionalisierungsgrad und sind statistisch instabiler als Ehen.
Die Krise als rationale Reaktion auf asymmetrische Risiken
Ott erklärt die moderne Beziehungskrise (Scheidung, Heirat, Geburten) als eine Folge der mangelnden Absicherung des spezialisierten Partners (meist der Frau). Wenn Verträge nicht bindend sind, wird Spezialisierung zum Risiko: „Unter den heute gegebenen wirtschaftlichen Bedingungen ist es erheblich einfacher, Hausarbeitszeit durch Marktsubstitute zu ersetzen als Marktgüter durch Eigenproduktion. (...) [Aus] der fehlenden Verbindlichkeit familiärer Verträge [resultiert] ein einseitig hohes Risiko für den auf Hausarbeit spezialisierten Partner. Sinkende Geburtenziffern und eine steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen müssen dann als rationale Reaktion auf eben diese individuellen Risiken gesehen werden. Sofern aber asymmetrische Vereinbarungen in der Familie getroffen werden, führen tatsächliche und vermeintliche Vertragsbrüche zu vermehrt nicht kooperativem Verhalten, was sich letztendlich auch in steigenden Scheidungsziffern niederschlägt“.
Machtverlust durch Spezialisierung (Der Drohpunkt)
Aus ihrer Dissertation auf Englisch (hier übersetzt): „Betrachten wir eine Situation, in der der Wunsch nach einem Kind nur durch eine Unterbrechung des Erwerbslebens eines Ehepartners realisiert werden kann, was in den meisten Fällen die Ehefrau ist. (...) Dann ist der Wohlfahrtsgewinn des Haushalts mit einer starken Abnahme der Verhandlungsposition der Ehefrau verbunden“. In einem anderen deutschen Zitat verdeutlicht sie die interne Wirkung: „Der auf Hausarbeit spezialisierte Partner geht nicht nur das Risiko ein, im Konfliktfall auf die eigene verminderte Einkommenskapazität angewiesen zu sein, sondern schwächt durch diese Verschlechterung der Alternativmöglichkeiten auch seine interne Verhandlungsposition“.
Lösungsansatz: Symmetrische Risikoverteilung
Abschließend findet sich eine Passage darüber, wie eine moderne Familienpolitik aussehen müsste, um diese Krisendynamik zu durchbrechen: „[Ziel wäre ein] symmetrisches Arrangement in der Familie in der Form, dass das Risiko von Humankapital-verlusten von beiden Partnern gemeinsam getragen wird. Letztlich stellt diese Art der Politik den Versuch dar, die Wohlfahrtsgewinne traditioneller Arbeitsmuster gegenüber anderen Arrangements zu erhöhen“.
Die Instabilität von Ehen könnte man als Folge ökonomischer Logik unter unsicheren Bedingungen sehen.
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